Archiv für April 2014

Das Freie Netz Süd & Nazistrukturen im Vogtland

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Im Vorfeld der „Let’s Take It Back“-Antifademo am 1. Mai in Plauen und dem Naziaufmarsch am gleichen Tag wollen wir, AntifaschistInnen aus der Region, über das „Freie Netz Süd“ und Nazistrukturen im Vogtland informieren.

Das Freie Netz Süd

Das „Freie Netz Süd“ ist ein militanter rechter Kameradschafts-Dachverband aus Süddeutschland und streckt seit einiger Zeit seine aktionistischen Fühler auch über bayerisches Terrain hinaus aus. Als Nachfolgestruktur der im Jahre 2004 verbotenen „Fränkischen Aktionsfront“ (FAF) ist das FNS inzwischen seit 2009 aktiv. Staatliche Behörden gingen teilweise von etwa 20 Kameradschaften aus, die bayernweit im FNS organisiert sind. Die Zahl dürfte jedoch inzwischen deutlich unter diesem Level liegen.

Durch das teilweise militante Auftreten des FNS und der scheinbar „antikapitalistischen“ Agitation, die sich vor allem in einer völkisch-nationalistischen Rhetorik zeigt, steht das FNS vor allem in Bayern häufig in Opposition zur NPD. Teilweise ist das FNS jedoch auch mit sich bürgerlich gebenden „Tarnorganisationen“ in lokalen Stadträten vertreten – Beispiel ist die „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ in Nürnberg und München. In Fürth hingegen scheiterte die „Bürgerinitiative Soziales Fürth“ 2014 mit diesem Vorhaben.

Wichtigste Kader des FNS sind Matthias Fischer (Fürth), Norman Kempken (Nürnberg), Sebastian Schmaus (Nürnberg), Lutz Passon (Landkreis Forchheim), Stefan Deinlein (Pegnitz)und Tony Gentsch (Hof). Auch der wegen eines versuchten Sprengstoffanschlags auf das jüdische Zentrum in München verurteilte Neonazi Martin Wiese aus Landau ist in FNS-Kreisen aktiv. Als organisatorische Stützpunkte nutzt das FNS vor allem ein angemietetes Haus in München-Obermenzing, in dem u.a. im Oktober 2013 der Neonazi-Musiker „Lunikoff“ auftrat, sowie einen ehemaligen Gasthof in Oberprex. Oberprex ist Teil der Gemeinde Regnitzlosau und liegt nur wenige Kilometer von Hof entfernt. Neben dem Führungskader Tony Gentsch sind dort verschiedene Nachwuchskräfte des FNS wie Jan Blümig und Benjamin Mießner ansässig.

In den letzten Jahren hat das FNS durch eine Vielzahl von Aktionsformen von sich Reden gemacht. Zwar kommen immer wieder Zweifel an der organisatorischen Stärke des Netzwerks auf – das FNS ist vor allem durch kleine Aktionen medial präsent und verkauft jede kleine Flyerverteilung medienwirksam im Internet. Dennoch ist das Netzwerk nach wie vor bayernweit aktiv und unterhält gute Kontakte sowohl nach Tschechien als auch zur griechischen Nazipartei Chrysi Avgi. Neben den jährlichen Demonstrationen zum 1. Mai in verschiedenen Städten (so z.B. in Würzburg, Schweinfurt, Hof) zählen sowohl rassistische Mobilisierungen gegen Flüchtlingsunterkünfte als auch militante Anschläge gegen linke Projekte (wie z.B. in München und Fürth) zum Aktionsspektrum des Kameradschaftsnetzwerks.

Inzwischen verdichten sich jedoch die Zeichen für ein bevorstehendes Verbot des FNS: Im April 2012 sprach sich der bayrische Landtag geschlossen für ein Verbot aus. Schließlich kam es im Juli 2013 zur bisher größten Razzia gegen das FNS, bei dem der bayrische Staat insgesamt 700 Beamte einsetzte und über 70 Wohnungen und Gewerberäume in ganz Bayern durchsuchte.

Bedeutungsverlust oder Reorganisation

Seit Jahren veranstalten die süddeutschen Nazis am 1. Mai eine Großdemo – die Teilnehmer*innenzahlen sind jedoch im konstanten Sinkflug begriffen, von etwa 1.000 in Schweinfurt (2010) zu 350 in Würzburg (2013). Dennoch ist die neonazistische 1.-Mai-Demo des FNS nach wie vor einer der wichtigeren Kalendertermine der organisierten Kameradschaftsszene. Mittlerweile beobachten Kenner der Szene die Tendenz, dass sich das FNS in der neuen rechten Kleinstpartei „Der dritte Weg“ zu reorganisieren beginnt – auch um nach einem eventuellen Verbot des Kameradschaftsnetzwerks weiter auf organisierte Strukturen zurückgreifen zu können. Auch sonst ist das Netzwerk zumindest angeschlagen: Immobilienprojekte wie in Nürnberg scheiterten unter anderem am lokalen Widerstand von Bürgern, Behörden und Antifaschist*innen. Das vor allem finanziell bedeutende Rechtsrockfestival „Europa erwache“ musste im vergangenen Jahr ausfallen. Und auf Kameradschaftsebene ist das Netzwerk vielerorts umstritten.

„Der dritte Weg“ wurde im September 2013 in Heidelberg gegründet und orientiert sich sowohl inhaltlich als auch von der Ästhetik her an sogenannten „nationalrevolutionären“ Strömungen, wie dem „25-Punkte-Programm“ der NSDAP. Mittlerweile wurde bei einer Vielzahl von rechten Kundgebungen und Demos wie in Wunsiedel und Greiz Werbung für die neue Partei gemacht. Inzwischen tritt „Der dritte Weg“ als offizieller Organisator von Aufmärschen wie am 15.02. beim Dresden-Ersatzmarsch im tschechischen Karlovy Vary oder eben auch am 1. Mai diesen Jahres in Plauen auf.

The same procedure as every year

Selbst in der tiefsten bayrischen Provinz weht dem FNS inzwischen entschiedener Widerstand entgegen – flächendeckend, wie sich erneut im April auf der völlig erfolglosen Mobilisierungstour des FNS durch Nordbayern zeigte. Nicht einmal 20 Kundgebungsteilnehmer*innen fanden sich am Abend des 11. April in Plauen ein, diese wurden trotz der Mobilisierungszeit von nur einem Tag von über 100 Gegendemonstrant*innen übertönt. Am folgenden Tag stellten sich in den Städten Münchberg, Helmbrechts, Hersbruck, Bayreuth und Deggendorf jeweils mehrere hundert Menschen dem „Wanderzirkus“ des FNS entgegen.

Bereits in den vorherigen Jahren waren die Mobilisierungstouren des FNS im Vorfeld des 1. Mai jeweils grandios gescheitert. Ob mediale Strategie oder blanker Realitätsverlust: Warum das FNS dennoch jedes Jahr aufs Neue von einer „erfolgreichen Mobilisierung“ für den 1. Mai phantasiert, bleibt fraglich. Die Aufmerksamkeit in den Medien kann dem Kameradschaftsnetzwerk jedoch gewiss sein, und genau das scheint gerade in Zeiten einer drohenden organisatorischen Krise zu zählen.

Die RNJ – FNS-Angliederung in Westsachsen

Auch die regionalen Nazis sind mittlerweile eng mit dem FNS verknüpft – die Kameradschaft RNJ (Revolutionäre Nationale Jugend Vogtland), welche von 2011-2013 einen sogenannten „Trauermarsch“ in Plauen mit bis zu 180 Teilnehmer*innen veranstaltete, hat sich faktisch in Luft aufgelöst. Die verbliebenen Aktivist*innen sind jedoch ins FNS gewechselt. Zu diesen zählen vor allem Thomas Heyer (Plauen), Harald Otto (Oelsnitz), Marcus Wawra (Plauen), Rico Döhler (Ellefeld) und Kevin Pahnke (Auerbach). Und so hat es im Jahr 2013 in Plauen zwei Nazikundgebungen, die vom FNS mit organisiert waren, gegeben.

Über die RNJ Vogtland wurde von antifaschistischen Gruppen bereits viel berichtet. Seit ihrer Gründung 2010 versuchte die hauptsächlich von jungen Akteuren geprägte Kameradschaft, im Oberen Vogtland um Auerbach, Ellefeld und Falkenstein eine nationale Homezone zu etablieren. Eine Zeit lang gelang es der Gruppe tatsächlich, auch „unpolitische“ Jugendliche für einen rechten Lifestyle inklusive Demotourismus und nächtlichem Aktionismus zu begeistern. Aufmerksamkeit erregte die Kameradschaft vor allem durch rassistische Mobilisierungen wie am 29.10.2011 in Plauen und die sogenannte „Volkstod-Kampagne“. Im Zuge dessen führte die RNJ am 24.07.2011 einen sogenannten „Unsterblichen“-Aufmarsch in der Kleinstadt Rodewisch durch. Nach einer kurzen Phase staatlicher Repression und dem Rückzug einiger junger Nazis wahlweise ins Private oder die lokale Drogenszene ging es mit der RNJ deutlich bergab.

Von gestern zu morgen – Nazis in der Region

Nach wie vor kann Plauen nicht als Schwerpunkt rechter Aktivitäten angesehen werden. Die 65.000-Einwohner-Stadt verfügt nur über ein kleines organisiertes Neonazi-Spektrum. Eine Handvoll aktiver Jungnazis organisiert sich seit etwa zwei Jahren im Umfeld der RNJ bzw. des FNS. Der lokale NPD-Kreisverband steckt seit Jahren in einer tiefen Krise, an der auch die Delegierung des NPD-Bundesvorstandsmitglieds Arne Schimmer nach Plauen nichts ändern konnte.

Dennoch steht die Stadt spätestens seit 2011 im Fokus regionaler Kameradschaften, vor allem als öffentlichkeitswirksamer Aufmarschort. Drei „Trauermärsche“ und mehrere Kundgebungen aus dem Kameradschaftsspektrum, zudem der Versuch, am 20.05.2012 einen NPD-Landesparteitag in Plauen abzuhalten, sind ein deutlicher Beleg dafür. Des Weiteren fand in Zobes nahe Plauen am 08.06.2013 der JN-Sachsentag statt. Über 700 Nazis besuchten das Rechtsrock-Festival, das gezielt vor allem rechte Jugendliche ansprechen sollte.
Im Plauener Umland sieht noch deutlich problematischer aus: Das ostthüringische Greiz war in der zweiten Hälfte des Jahrs 2013 Schauplatz einer rassistischen Kampagne gegen Asylbewerber*innen, die unter dem Deckmantel einer „Bürgerinitiative“ von lokalen Nazis initiiert wurde. In Greiz und Reichenbach bildete sich mit den „Freien Kräften Vogtland“ (FKV) eine neue Kameradschaftsstruktur heraus. Beide Städte stehen schon seit Jahren für eine gefestigte rechte Erlebniswelt mit Kameradschaftsabenden, Rechtsrockkonzerten, Naziläden, einem „Rudolf-Hess-Gedenkfußballturnier“ und Verbindungen zum „Blood & Honour“-Netzwerk. Auch im ostthüringischen Zeulenroda gibt es Anzeichen dafür, dass Nazis eine Lokalität angemietet haben, um dort künftig Konzerte durchzuführen. Der NPD-interne „Freundeskreis Udo Voigt“ führte am 20.11.2013 eine Großveranstaltung im Gasthof „Anker“ in Theuma“ mit etwa 250 Gästen durch. Im nahegelegenen Zobes ist der Gasthof „Haack“ seit langem ein Rückzugsort für neonazistische Aktivitäten. Das komplette vogtländische Hinterland gilt als Hochburg der radikaleren Strömungen in der NPD, die Udo Voigt erneut zum Parteivorsitz befördern wollten.

Auch in Plauen gibt es in den letzten Jahr Anzeichen, dass sich neonazistische Strukturen verstärkt aus dem Hintergrund in die Öffentlichkeit drängen wollen. Auf Rückendeckung „erfahrener“ Kader können sich potentielle Nachwuchskräfte dabei verlassen: Bernd Grett, ehemals Mitglied der rechtsterroristischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, betreibt eine Fahrschule an der Plauener Friedensstraße. Und in der Rädelstraße, nur wenige Meter vom Stadtzentrum entfernt, befindet sich ein NPD-„Bürgerbüro“. In der Jößnitzer Straße sorgt ein „Thor Steinar“-Laden inzwischen für den Nachschub an rechter Lifestylekleidung. Das Pub „O’Connors“ ist beliebter Treffpunkt bei rechten Jugendlichen. Und vor allem in einer nur schwer durchdringlichen Parallelwelt aus Rockergangs (vor allem das mittlerweile verbotene „Gremium“) und Türsteherszene etabliert sich zunehmend nationalistisches und rassistisches Gedankengut fernab von Parteien und Kameradschaften. So verübten Mitarbeiter der Sicherheitsfirma „C.O.P.S.“ wiederholt rassistische Übergriffe auf Migrant*innen in der Innenstadt. Teilweise rekrutierten sich diese aus ehemaligen Kameradschaftsstrukturen wie dem „Plauener Jungsturm“. Auch mehrere Anschläge auf ein islamisches Kulturzentrum in Plauen zeigen die Gefahr eines sich verschärfenden rassistischen Klimas in der Stadt.

Veranstaltungstipp: Montag, 21.04.2014 CrimethInc.-Vortrag

Ein kleiner Veranstaltungshinweis für alle, die sich mit der aktuellen anarchistischen Bewegung weltweit beschäftigen: Das CrimethInc.-Kollektiv aus den USA befindet sich derzeit auf Vortragsreise durch Europa und macht auch in Plauen Station. Thematisch geht es um „Anarchismus und die neuen globalen Revolten“.

Hier ein kurzer Text der VeranstalterInnen der Vortragsreise:

„Der welt­wei­te Wi­der­stand gegen die be­ste­hen­den Sys­te­me wächst und zeigt sich glei­cher­ma­ßen be­ängs­ti­gend und vol­ler Hoff­nung.
Wel­che Ziele und Ideen ver­bin­den die be­setz­ten Plät­ze und bren­nen­den Po­li­zei­wa­gen von Ham­burg bis Athen und Kiew?
Ein Ak­ti­vist des Cri­me­thInc Kol­lek­tivs kommt nach Eu­ro­pa um über die an­ar­chis­ti­sche Be­we­gung in den Zei­ten der glo­ba­len Re­vol­te zu be­rich­ten.“

Und HIER geht’s zur deutschsprachigen Crimethinc-Seite inklusive eines längeren Texts zur Vortragsreihe.

Der Vortrag findet am Montag, dem 21.04., im Infoladen Plauen (Projekt Schuldenberg, Thiergartner Straße 4) statt.
Der Infoladen hat ab 18 Uhr geöffnet. Beginn ist 18.30 Uhr.

Eintritt ist frei. Es gibt vegane Snacks.

[Plauen] Erfolglose Kundgebung des Freien Netz Süd

Ende der vergangenen Woche wurde bekannt, dass für den Freitag (11.04.) eine Nazikundgebung im Plauener Stadtzentrum angemeldet wurde. Lokale Antifaschist*innen gingen anfangs noch davon aus, dass es sich um eine „Trauerkundgebung“ anlässlich der Bombardierung Plauens vor 69 Jahren und damit um eine Ersatzveranstaltung für die jährliche Trauerkloßdemo der RNJ Vogtland handelte. Schließlich stellte sich heraus, dass die Kameradschaft „Freies Netz Süd“ eine Mobikundgebung für den geplanten Aufmarsch am 1. Mai in Plauen angemeldet hatte.

Etwa 15 Nazis folgten dem Aufruf des „Freien Netz Süd“ und standen mehrere Stunden ziemlich verloren in der Innenstadt Plauens herum, während unter anderem Tony Gentsch (Oberprex) und Rico Döhler (Ellefeld, RNJ Vogtland) kryptische Reden hielten, die fast während der gesamten Zeit von einem Aufgebot an Sprechchören, Pfeifen und Trommeln übertönt wurden. Neben bayrischen Nazis waren aus dem Vogtland Harald Otto (Oelsnitz), Thomas Heyer (Plauen) und Marcus Wawra (Plauen) anwesend. Ingesamt fanden sich trotz der kurzen Mobilisierungszeit von nur einem Tag etwa 100 Gegendemonstrant*innen im Plauener Zentrum ein. Die mobilisierende Wirkung für das FNS kann daher als nahezu nicht existent bezeichnet werden.

Dennoch bleibt es dabei: am 1. Mai den Nazis nicht die Straße überlassen – LET‘S TAKE IT BACK!

Nazikundgebungen am Wochenende (Plauen & Nordbayern)

Nazis des FNS haben für morgen (Freitag) 18 Uhr in der Innenstadt Plauens eine Kundgebung angemeldet. Für Gegenaktionen ist der Anlaufpunkt 17.30 Uhr am Postplatz (Stadtzentrum). Außerdem wurden für Samstag (12.04.2013) vom Freien Netz Süd bislang weitere vier Kundgebungen angemeldet (Helmbrechts, Münchberg, Bayreuth, Hersbruck). Die geplanten Kundgebungen können, wie es bereits in den Vorjahren praktiziert wurde, als Aufmerksamkeitsgesuche für den Aufmarsch am 1. Mai gewertet werden.

AGV

1. Mai Demo – Let’s take it back!

Das „Freie Netz Süd“, ein militanter rechter Kameradschaftsverband, hat eine Demonstration unter dem Motto „Arbeit zuerst für Deutsche“ angemeldet. Großspurig als „Arbeiterkampfdemo“ angekündigt, wird die neonazistische Kameradschaft am 1. Mai unter dem Anschein von Systemkritik rassistische und nationalistische Inhalte auf die Straße tragen. Es ist klar, dass wir dies nicht unwidersprochen hinnehmen werden. Dennoch ist es Zeit, die Frage aufzuwerfen: Wem gehört der 1. Mai?

Wem gehört der 1. Mai?

Der 1. Mai als traditionell linkes Symbol der Kritik am bestehenden System ist in die Jahre gekommen. Zwischen sich „revolutionär“ gebenden, nostalgischen Großdemonstrationen und müden Gewerkschaftsveranstaltungen ist wenig Raum geblieben. Schon die geläufige Bezeichnung als „Tag der Arbeit“ ist so wenig emanzipatorisch wie große Teile der Politik des deutschen Gewerkschaftsspektrums: Der positive Bezug auf Lohnarbeit, die daraus folgende Verherrlichung ausbeuterischer Abhängigkeitsverhältnisse oder zumindest das Aufgeben jeglicher revolutionärer Ansprüche zugunsten der Hoffnung auf „kleine Reformen“ sind Konsens in weiten Teilen der parlamentarischen Linken und der etablierten Gewerkschaften. Kein Wunder also, wenn sich organisierte Nazis erfolgreich als „antikapitalistische“ Alternative in Szene setzen.

Der 1. Mai ist deshalb vor allem ein umkämpftes Symbol. Die völkische Ideologie des FNS, die sich den Anschein einer Kapitalismuskritik gibt, ist zutiefst regressiv. Unterdessen gibt sich der DGB nicht einmal die Mühe, einen Anschein von Kritik am kapitalistischen System zu formulieren. Es ist also notwendig, eine emanzipatorische, linke Perspektive zu formulieren – gerade am symbolträchtigen 1. Mai!

Wir haben keine Lust auf Klassennostalgie – genauso wenig wie wir bereit sind, auch nur einen Funken Hoffnung in dieses System zu setzen, das ausbeutet, abschiebt, einsperrt und die Menschen im alltäglichen Leistungsdruck zerreibt. Wir erhoffen uns nichts von denjenigen, die noch Hoffnung in das Bestehende setzen, sei es durch die Hoffnung, der Standort Deutschland möge von der Krise verschont bleiben oder durch das Erbetteln sanfter Zugeständnisse wie hier ein Euro mehr Lohn, dort eine halbe Stunde weniger Arbeit – während gleichzeitig das Streikrecht von der Großen Koalition mit Billigung des DGB erneut ausgehöhlt wird.

Die Deutungshoheit gesellschaftlicher Prozesse weder den organisierten Nazis noch den stets nach Kompromissen innerhalb des Kapitalismus suchenden etablierten Gewerkschaften zu überlassen, ist daher unser Ziel.

Kapitalismuskritik ist kein Relikt von gestern, Kapitalismuskritik ist weder völkisch noch national. Lasst uns die Straßen am 1. Mai zurückerobern. Let’s Take It Back! Für eine Gesellschaft ohne Staat, Nation und Kapital!

Antikapitalismus von rechts: Das Freie Netz Süd

Das „Freie Netz Süd“ ist ein militanter rechter Kameradschafts-Dachverband aus Süddeutschland und streckt seit einiger Zeit seine aktionistischen Fühler auch über bayerisches Terrain hinaus aus. Seit Jahren veranstalten die süddeutschen Nazis am 1. Mai eine Großdemo – die Teilnehmer*innenzahlen sind jedoch im konstanten Sinkflug begriffen, von etwa 1.000 in Schweinfurt (2010) zu 350 in Würzburg. Dennoch ist die neonazistische 1.-Mai-Demo des FNS nach wie vor einer der wichtigeren Kalendertermine der organisierten Kameradschaftsszene. Auch die regionalen Nazis sind mittlerweile eng mit dem FNS verknüpft – die Kameradschaft RNJ (Revolutionäre Nationale Jugend Vogtland), welche von 2011-2013 einen sogenannten „Trauermarsch“ in Plauen mit bis zu 180 Teilnehmer*innen veranstaltete, hat sich faktisch in Luft aufgelöst. Die verbliebenen Aktivist*innen sind jedoch ins FNS gewechselt. Und so hat es 2013 in Plauen zwei Nazikundgebungen, die vom FNS mit organisiert waren, gegeben.

Weltoffen, bunt, nichtssagend

Natürlich ist es inzwischen auch in Sachsens kleinen Städten Standard, dass lokale Antifagruppen und bürgerliche Bündnisse gegen rechte Demonstrationen mobil machen um diese, trotz der Gefahr immenser Repressionen, zu verhindern. Obwohl diese Bemühungen, selbst im besten Fall, also der Unterbindung der Nazidemo, nichts – oder nur sehr wenig – an den bestehenden Verhältnissen ändern, stellen sie zumeist die einzigen kämpferischen und emanzipatorischen Aktionen dar. Viel zu oft erschöpft sich der Inhalt derartiger Aktionen jedoch in einer bloßen reflexartigen Abwehr der Realität „Nazis“. Und nachdem der Aufmarsch vorbei ist, klopft sich alles auf die Schulter: Die guten Demokrat*innen haben „Gesicht gezeigt“, eine „weltoffene Demokratie“ verteidigt.

Wir haben beschlossen, uns am 1. Mai bewusst nicht hinter all jene zu stellen, die ihre Illusion eines friedlichen Deutschlands und einer vermeintlich „sozialen“ Marktwirtschaft aufrecht erhalten und das Bestehende verteidigen wollen.

Wir haben uns die Frage gestellt, worin der Sinn besteht, einer Gesellschaft, die sich auf rassistische, nationalistische und ausgrenzende Logiken beruft, für einen Tag einen bunten Anstrich zu verpassen um sie gegen – na sowas – Rassist*innen und Nationalist*innen, die sich als Vollstrecker eines dubiosen Volkswillens wähnen, zu verteidigen.

Wir haben beschlossen, dass es da nichts gibt, was sich zu verteidigen lohnt.

Wir haben beschlossen, diesen Standard zu brechen.

Während das „Freie Netz Süd“ nach mehr Arbeit für „Deutsche“ schreit, wähnt sich der bürgerlich-demokratische DGB auf der „guten Seite“. Doch die vermeintlichen Gegenentwürfe der Gewerkschaftler*innen bestehen ebenfalls nur in der Verteidigung des Bestehenden – und damit in der Konsolidierung jener gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ausgrenzung und Ungleichheit erst hervorbringen.

Das „Freie Netz Süd“ fordert einen autoritären Staat, der seine Arbeiter*innen über die Zugehörigkeit zu einer sogenannten „Volksgemeinschaft“ auswählt und verkauft dies als vermeintliche Alternative: Einen „guten“, weil „deutschen“ Kapitalismus im Gegensatz zum „bösen“ internationalen Entwurf des gleichen Wirtschaftssystems. Der DGB wünscht sich kleine Verbesserungen im bereits bestehenden System – und legitimiert damit erst recht den Status Quo. In Zeiten der permanenten Krise bedient sich das System immer stärkeren nationalistischen und rassistischen Logiken zur vermeintlichen „Krisenbewältigung“. Auf welche Seite sollte mensch sich also stellen, wenn beide offenbar nur unterschiedliche Seiten der selben Medaille abbilden? Auch der „staatstreue“ scheinbare Antifaschismus des DGB ist für uns keine Option. Eine Kritik der Verhältnisse liefert er nicht. Im Gegenteil: Dafür ist er kontraproduktiv. Im Grunde wird dieser Aspekt von Antifaschismus zur Farce, wenn er die bestehende politische und wirtschaftliche Ordnung verteidigen will anstatt Alternativen zu formulieren. Oder, um es deutlich zu formulieren: Liebe etablierte Gewerkschaften. Wir kaufen euch eure Kapitalismuskritik schon lange nicht mehr ab. Wenn der Standort Deutschland bedroht scheint, wird ganz schnell die Volksgemeinschaft beschworen, werden Ressentiments bemüht anstatt Alternativen zu formulieren. Alternativen ins Auge zu fassen würde heißen: Ein radikaler Bruch mit der derzeitigen Krisenpolitik, mit einer von Grund auf ungerechten Wirtschafts-, Eigentums- und Gesellschaftsordnung. Für uns stellt sich die Frage: Wie soll die offensichtliche Ungerechtigkeit bekämpft werden, ohne eine fundamentale Kritik der Verhältnisse?

Das Ziel bleibt eine befreite Gesellschaft.

Wir fühlen uns nicht dazu berufen die „bunten“ Parlamente vor den Nazis zu schützen. Wir sind gegen diese Verhältnisse, die im Wesentlichen im Verwerten und Verwalten des gesamten Planeten bestehen. Deshalb gehen wir am ersten Mai auf die Straße, um die Verhältnisse anzugreifen, um gegen Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen, statt uns „nur“ mit der Realität „Nazis“ auseinanderzusetzen. Was nicht heißt, dass wir nicht bereit sind nonverbale Signale in diese Richtung zu senden – auch an diesem Tag.

Der erste Mai ist sozialer Kampf und wir finden es ist Zeit, hier eine deutliche Position einzunehmen. Es gilt die soziale Frage aufzuwerfen statt sie tot zu quatschen, zu relativieren oder gar, durch eine erfundene Volksgemeinschaft, wegzuleugnen. Wir wollen, statt ständig nach mehr Arbeit (für „Deutsche“) zu plärren, eine Gesellschaft, in der den Bedürfnissen der Menschen entsprechend gewirtschaftet und notwendige Arbeit gerecht verteilt wird. Wir wollen uns weder kaputt rackern für das Wohl Einzelner, noch an Langeweile und Isolation zu Grunde gehen. Wir wollen die Gesellschaft in der jede/r, wie sie/er kann, für das Wohlergehen aller sorgt, wo Wertigkeit von Individuen nicht an (bezahlte) Leistung gekoppelt ist, wo jede_r zählt und die Unterschiede keine Grenzen sind. Wir fordern keine kleinen Zugeständnisse wie vielleicht 8,50 € Mindestlohn („eventuell, irgendwann für bestimmte Branchen, aber nur wenn es der Wirtschaft nicht schadet“). Wir wollen die ganze Bäckerei, die uns zusteht.

Das alles wird ganz sicher nicht durch eine Demo, weder diese noch irgendeine andere – selbst wenn sie sich als „revolutionär“ bezeichnen sollte – erreicht werden. Aber sie kann unseren Standpunkt, unsere Kritik klar machen, auf die Straße, in die Öffentlichkeit tragen und damit ein Teil des täglichen Kampfes für Gerechtigkeit und ein besseres Leben sein. Wir stehen mit dieser Kritik, gerade in der Provinz, relativ isoliert – eben deshalb halten wir es für unumgänglich in die Wahrnehmung der sogenannten Öffentlichkeit zu gelangen, unsere klare Haltung und Inkompatibilität mit diesem System genauso zum Ausdruck zu bringen, wie unsere Offenheit und unseren Respekt Menschen gegenüber. Wir wollen keine Bildungsveranstaltung, in der wir der Öffentlichkeit endlich DIE Wahrheit erklären, wer gut und böse ist und wen sie wählen sollen – dafür gibt es die Nazis, die Parteien und die Verschwörungstheoretiker*innen. Wir wollen Widerstand demonstrieren gegen ein von Grund auf ungerechtes System und zeigen, dass wir keinen Frieden geben werden, der mit Ausbeutung und Unterdrückung bezahlt ist. Organisieren wir gemeinsam den Widerstand, zeigen wir, an diesem ersten Mai in Plauen, dass Widerstand gegen diese Verhältnisse, jenseits von Rassenhass und lahmarschiger Klassennostalgie stattfinden kann!

takeitback.tk

12.04. Plauen: Mahngang Täterspuren – Ein historischer Stadtrundgang.

Täterspuren.
Ein historischer Stadtrundgang.

Die alliierte Bombardierung der Stadt Plauen jährt sich am 10. April 2014 zum 69. Mal. Seit Jahren nutzen Neonazis dieses Ereignis, um geschichtsrevisionistisches Gedankengut an die Öffentlichkeit zu tragen. Anknüpfungspunkte finden sich dabei nicht nur in der rechten Szene, sondern in der weit verbreiteten Verdrängung der Rolle deutscher Städte und ihrer Bevölkerung im nationalsozialistischen Regime, dem zweiten Weltkrieg und der Shoa.

Der Mythos eines „unschuldigen“ Plauens ist noch immer existent, die wichtige Funktion der Stadt für den Aufstieg des Nationalsozialismus und später die NS-Kriegsmaschinerie bleibt dabei ausgeblendet.

Viele Menschen stellten sich seit 2011 auf verschiedenste Art und Weise den Naziaufmärschen entgegen. Dieses Jahr wird es voraussichtlich keinen „Trauermarsch“ der Braunen geben, stattdessen konzentrieren diese sich auf den 1.Mai 2014, für den das Freie Netz Süd eine Demonstration in Plauen angemeldet hat.

Die Jährung des alliierten Bombardements soll dennoch nicht unkommentiert verstreichen.
Wir halten es für notwendig, den ständig wiederkehrenden Opfermythen, ob von ganz rechts oder aus der Mitte der Gesellschaft, ein aufgeklärtes Geschichtsbild entgegen zu halten. Deshalb wollen wir an verschiedenen Eckpunkten der Stadt auf ehemalige Täter aufmerksam machen und den Opfern des nationalsozialistischen Regimes gedenken.

Wir rufen am 12. April zu einem gemeinsamen Mahngang auf, der um 14.30 Uhr am Oberen Bahnhof startet und am Rathaus enden wird.