Archiv für September 2015

Plauen – Zwei rassistische Kundgebungen am vergangenen Wochenende

Bislang blieb es in den letzten Monaten im westsächsischen Vogtlandkreis und der Kreisstadt Plauen ruhig, was rassistische Mobilisierungen betrifft – zumindest, was den sachsenweiten Vergleich angeht. Inzwischen haben Nazis und Wutbürger*Innen das rassistische Potential entdeckt und am Wochenende gleich zwei Kundgebungen in der Plauener Innenstadt durchgeführt.

Um die 400 Rassist*Innen versammelten sich am vergangenen Freitag (18.09.) im Plauener Stadtzentrum bei einer von der NPD initiierten Kundgebung. Aufgerufen hatte die Website “Plauen wehrt sich”, die sich schon kurz nach ihrer Gründung als NPD-Ableger herausstellte. Die überraschend hohe Beteiligung von Alt- und Jungnazis, NPD-Kadern, III.Weg, DML, AfD- und “Die Rechte”-Mitgliedern sowie rechtsoffenen Bürger*Innen wirft ein Licht auf die derzeit hohe Mobilisierungsfähigkeit von rassistischen Diskursen über marginale neonazistische Kleingruppen hinaus.

Immer wieder wurden aus dem pöbelnden, johlenden und erheblich alkoholisierten Mob heraus Hitlergrüße gezeigt sowie Gegendemonstrant*Innen und Geflüchtete bedroht. Anmelder der Versammlung war der Dresdener NPD-Stadtrat Jens Baur, als Redner traten Arne Schimmer (NPD-Kreisrat Vogtland), Jürgen Gansel (NPD Sachsen) und die Greizer Goebbels-Parodie David Köckert (NPD Thüringen) auf. Der Gegenprotest von Bürger*Innen und Antifaschist*Innen blieb mit etwa 200 Demonstrant*Innen überschaubar.

Auch die Aluhut-Fraktion sieht im offensiver auftretenden rassistischen Mob ihre Chance. Bei der “Plauen wehrt sich”-Kundgebung wurde kräftig die Werbetrommel für eine obskure Kundgebung unter dem Motto “Du bist Deutschland” gerührt, die am Sonntag (20.09.) am Plauener Wendedenkmal stattfand. Unter den Forderungen der angeblich “weder rechten noch linken” Veranstalter finden sich sowohl Parolen wie “Asylmissbrauch stoppen” und “gegen einseitige Medienberichterstattung”. Etwa 150 Menschen folgten dem Aufruf der Veranstalter Michael Oheim, Tilo Eckard und Oliver Gottsmann. Michael Oheim betreibt die Bar “La Bohéme” am Plauener Dittrichplatz, aus der zufällig am 01.09.2015 mehrere Nazis Fotoaufnahmen von der antirassistischen Demonstration machten, die später auf der Naziseite “Plauen bleibt braun” bei Facebook landeten. Wieder beteiligten sich auch Nazis des “III. Weg” und verschiedene stadtbekannte Schläger des Securityunternehmens “C.O.P.S.” an der Kundgebung.

Ansonsten zog die Veranstaltung vor allem die übliche gewaltaffine “Thor Steinar”-Fraktion und gaffende Wutwichtelbürger*Innen an. Dass auch wirklich jeder noch so marginale Hinterbänkler der Lokalpolitik nun seine Chance gekommen sieht, zeigt der grenzwertig verwirrte Redebeitrag von Gunnar Gemeinhardt. Dieser stellte sich als Kandidat für die Landratswahl 2015 auf. AfD sowie SPD gaben ihm eine Wahlempfehlung. Gemeinhardt brachte in einem Redebeitrag seine Ängste zum Ausdruck, dass seine Kinder in Zukunft die Schule nur noch mit Burka bekleidet betreten dürften.

Auch in den kommenden Wochen dürfte Plauen nicht zur Ruhe kommen: Nun stehen zwei Kundgebungen der neonazistischen Partei “Der III. Weg” vor der Tür, die gern von der rassistischen Grundstimmung profitieren würde. Am Samstag dem 26.9. wollen die Nazis um Rico Döhler, welcher am 19.09. als Beisitzer in den Vorstand der Partei gewählt wurde, mit Fackeln vor der Geflüchtetenunterkunft in der Kasernenstraße aufmarschieren und am Freitag dem 02.10. soll eine weitere “Asylflut stoppen”-Kundgebung vor der Stadtgalerie im Zentrum stattfinden. Währenddessen kündigen die Veranstalter der “Sonntagsmahnwachen” an, ihren Wahn künftig wöchentlich am Altmarkt zu propagieren.

Wir unterstützen: Antirassistische Kundgebung am Freitag 18.09.

Das „Aktionsbündnis Vogtland gegen rechts“ ruft für den kommenden Freitag zu einer Kundgebung auf, um gegen eine rassistische NPD-Veranstaltung zu protestieren. Wir unterstützen den Aufruf des Aktionsbündnis – kommt am Freitag nach Plauen, seid zahlreich, seid laut, bereitet den Rassist*Innen einen unfreundlichen Empfang!

Aufruf des Aktionsbündnis:

Am Freitag, dem 18.09.2015, hat die neue rassistische Gruppierung „Plauen wehrt sich“ ab 18:30 eine Kundgebung auf dem Postplatz (Tunnel) in Plauen angemeldet. Unter dem Titel „Plauen wehrt sich – Schluß mit Asylmißbrauch und Überfremdung“ soll wieder einmal gegen Geflüchtete gehetzt werden. Als Redner werden David Köckert (NPD-Stadtrat Greiz), Arne Schimmer (NPD-Kreisrat Vogtland) und Jens Baur (NPD-Stadtrat Dresden) auf ihrer Facebook-Seite angekündigt. Damit haben sie sich nun frühzeitig als NPD geoutet, auch wenn sie das gerne anders behaupten. Wir, das „Aktionsbündnis Vogtland gegen Rechts“ , werden das nicht unkommentiert geschehen lassen und rufen deshalb zu einer Gegenkundgebung am 18.09.2015 ab 17:00 auf – am Wendedenkmal in Plauen.

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Plauen: Bericht zur antirassistischen Solidemo

Aufgrund des rassistisch motivierten Angriffs auf die Geflüchtetenunterkunft in der Kasernenstraße in Plauen am 25.08 fand am 01.09.2015 eine antirassistische Demo statt.

An der Demonstration, die am Dittrichplatz begann und sich durch das Stadtzentrum bis zum Albertplatz bewegte, nahmen bis zu 200 Menschen teil, unter ihnen viele Geflüchtete. Die Demo unter dem Motto „Gegen die rassistische Normalität“ thematisierte einen organisierten Naziangriff, welcher sich in der Nacht vom 24.08. auf den 25.08. ereignete. Zwischenkundgebungen wurden vor dem AfD-Büro in der Marienstraße und vor der „Oheim-Passage“ im Stadtzentrum abgehalten – am letztgenannten Ort eröffnet derzeit der Nazi und Stadtrat Thomas Lauter (III. Weg) einen Copyshop. Noch immer versuchen Polizei und Heimleitung, den Vorfall auf eine zufällige Pöbelei von Betrunkenen zu reduzieren und leugnen die rassistische Dimension des Angriffs (siehe: https://linksunten.indymedia.org/en/node/151510).

Während der Demonstration kam es mehrfach zu Provokationen durch Rassist*Innen. Am Ort der Auftaktkundgebung fotografierte eine Gruppe Nazis die Teilnehmer*Innen ab – die Fotos landeten später auf einer Naziseite im Internet. Später zeigte ein Neonazi im Dynamo-Dresden-Outfit in unmittelbarer Nähe zur Demo zweimal den Hitlergruß, im Beisein seiner Familie, was von den direkt daneben stehenden Bullen komplett ignoriert wurde. Kurz vor der Abschlusskundgebung filmte ein Neonazi die Demo ab. Einer seiner zwei Begleiter warf imaginäre Handgranaten in die Menge und zeigte mehrmals den Mittelfinger – den filmenden Nazi begrüßten die Bullen mit einem Handschlag.

Wir werten die Demo trotzdem als Erfolg, da in kurzer Zeit eine klare Reaktion auf die Angriffe und das Verhalten von Bullen und Heimleitung stattfand. Die Provokationen der Nazis und das Verhalten der Bullen überraschen uns nicht, sondern sind nur eine weitere Bestätigung sächsischer Verhältnisse. Mehr als armselig finden wir allerdings die Berichterstattung der “Freien Presse”:

„DEMONSTRATION
150 Leute bei Kundgebung dabei
PLAUEN – Eine Demonstration, zu der die Vereinigung Refugees Support gestern aufgerufen hat, ist weitestgehend friedlich verlaufen. Die Polizei regelte den Verkehr. Anlass für den Marsch vom Dittrichplatz in die Innenstadt war der Übergriff auf eine Gemeinschaftsunterkunft an der Kasernenstraße vergangene Woche. Dort werden 200 Asylbewerber beherbergt. Einige mischten sich unter die 150 Demonstranten. Refugees Support bedeutet soviel wie Flüchtlings Unterstützung. (sasch)“

Die „Freie Presse“ verfasst über jeden neu gebauten Kuhstall Leitartikel, doch hat für eine Demonstration lediglich zehn Zeilen voller Floskeln und Unwahrheiten („weitgehend friedlich“?) übrig. Aber was will mensch von einem konservativen Drecksblatt erwarten, welches sich mit Aussagen wie “Angriff aufs Asylantenheim” und Werbetexten für die AfD schmückt.

Es bleibt abzuwarten wie sich die Stimmung gegenüber Geflüchteten in Plauen und dem Vogtlandkreis weiterentwickelt. Seit zwei Tagen gibt es eine neue rassistische Facebookseite, die bereits nach zwei Tagen über 300 Likes zu verzeichnen hatte und eine Demonstration in Plauen ankündigt.